Was ist der Unterschied zwischen dem Leben und einer Zugfahrkarte?

Ngọc Trang
(Bambino)

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Unterwegs... Streiflichter einer Zugfahrt



"Das Leben ist wie eine lange Reise mit dem Zug", sagte einmal meine Oma zu mir, als ich noch ein kleines Kind war. "Auf den vielen Stationen deines Lebens wirst du die Welt entdecken", fuhr sie fort, "und es wird immer wieder neue Menschen geben, die dich ein Stück Weg begleiten. Ankunft und Abschied wechseln sich ab und nur die Sehnsucht treibt uns voran".



1999, 30.September: Statt dem kleinen Kind steht nun eine große Studentin am Bahnsteig des Bukarester Bahnhofs, ganz ungeduldig, ihre längste Reise anzutreten: ein dreijähriges Germanistikstudium in Dresden. Wie schön, bereits im Zug zu sitzen und die Landschaft des Gastlandes im Vorbeiziehen zu grüßen. Mit welcher Leichtigkeit lassen sich die Städte im Vorbeifahren erobern! Eine Tagesreise, die wie im Flug vergeht, voller Erwartung und Vorfreude. Anders und neu ist alles, aber nicht fremd, denn die Sprache ist ihr ja so vertraut!



2002, 30.Mai: Diese Zugfahrt hat sie seitdem einige Male wiederholt, doch wie anders ist sie jedesmal gewesen. Denn sie knüpfte jedesmal an die vielen anderen Zugfahrten innerhalb Deutschlands an, Fahrten, die wie ein Spinnennetz Eindrücke und Erinnerungen miteinander verweben und dann in dieser langen Reise zusammenlaufen. Eine Reise, die sich wie ein roter Faden durch die Zeit durchzieht. Der Zug rollt. Ein Ziel folgt dem anderen. Und dabei muß ich denken, wie anders das Bahnfahren in Deutschland ist. Wie anders das Leben in Deutschland ist!



Mein ganzes Studium in Dresden gleicht einer Bahnfahrt. Einer Fahrt mit der Deutschen Bahn. Denn der Unterschied zu dem Studium daheim ist groß und er beginnt schon ganz am Anfang: bei dem Reiseziel. Die Züge in meiner Heimat, wissen Sie, sind noch ganz alt. Und ein bißchen altmodisch. Sie fahren meistens direkt dorthin, wo man ankommen möchte. Bestimmt fahren sie nicht so oft wie in Deutschland, dafür aber muß man auch nicht umsteigen.



Wenn man in Rumänien ein Studium aufnimmt, ist es noch fast wie in der Schule: man fängt an, bekommt jedes Semester einen vorgeschriebenen Stundenplan und nach 4 oder 5 Jahren wird man von der Hochschule "rausgeschleust". Man steigt weder um noch aus. Man kommt an. Vielleicht nicht immer ganz bequem, doch es gibt nur selten Verzögerungen.



In Deutschland ist man hingegen sehr flexibel. Man steigt oft um, verweilt ein wenig, wo es einem gerade gefällt (einmal im Ausland, das muß sein), steigt vielleicht aus, später wieder ein, ändert die Fahrt- (oder Fach-) -richtung und kommt dann irgendwann doch an. Es gibt auch hier direkte Verbindungen, die berühmten ICEs, doch die sind meistens teuer zu bezahlen. Die wenigsten Studenten halten die empfohlene Regelstudienzeit ein, vor allem unter den Geisteswissenschaftlern...



Es ist interessant, wie man sich an einer deutschen Universität die Reiseroute selbst festlegen muß. Lauter Entscheidungen, jedes Semester, wohin man will, welches Gebiet man erkunden möchte und wie man am günstigsten ans Endziel kommt. Der schnellste Weg ist nicht immer der schönste, hieß es in "Einmal nach Inari"... Doch was ist, wenn man einmal den Zug verpaßt, wo man doch soviel kombinieren muß? Was ist dann mit dem Anschluß?



An den rumänischen Universitäten dürfen die Studenten im Herbst, vor Beginn eines neuen Studienjahres, bis zu drei Prüfungen wiederholen, allein um ihre Noten zu verbessern. Solange der Stoff noch präsent ist. Ich finde das fair. Denn während die meisten Studenten in der Semesterpause Urlaub machen (das ist vielleicht der einzige Punkt, wo wir die Arbeit mit dem Privatleben nicht vermischen: in den Semesterpausen gibt es keine Hausarbeiten zu schreiben. Ferien sind Ferien!), büffeln andere fleißig, um ihre Leistung zu verbessern, um das Versäumte nachzuholen - und allein dafür verdient man schon eine zweite Chance... In Deutschland muß man jedoch meistens ein ganzes Jahr warten, bis man eine Klausur wiederholen darf. Manchmal hat man nicht einmal die Chance: auf die Literatur der Überlebenden (des Holocaust) folgt ein Jahr später - die zweite Autorengeneration. Das Seminar wird in absehbarer Zeit nicht noch einmal angeboten. Ist der Anschluß verpaßt, muß man sich nach einer anderen Route umsehen, um doch noch zum ersehnten Schein zu kommen... Nach dem Dominoprinzip hat das Konsequenzen für die ganze Reise, natürlich.



Die Beziehung zum Schaffner ist zu Hause manchmal etwas - nachsichtiger... Der Schaffner, der die Machtposition hat, drückt ab und zu ein Auge zu. Bei kleineren Seminaren, wo die Dozenten ihre Studenten kennen (die Seminargruppen sind allgemein klein, die Studentenanzahl ist vorgegeben, studieren kann nur, wer die Aufnahmeprüfung an der Universität besteht), werden die Klausuren oft mit Rücksicht auf die gesamte Mitarbeit während des Semesters bewertet. Bei einer mündlichen Prüfung reicht es oft aus, das erste Thema gut zu beantworten. Zwei Sätze noch zum zweiten Punkt, der Form halber, und man bekommt schon seine Note. Aus der Art und Weise, wie man sich bereits zum ersten Thema äußert, kann der Dozent leicht schließen, inwiefern man sein Studium vertieft hat. Man läßt, so wie die Alten Griechen, das Glücksprinzip walten: zwei Themen bloß werden von zweiundzwanzig abgefragt. Man kann alles gewinnen oder alles verlieren.



Mit einem deutschen Schaffner läßt es sich nicht "verhandeln". Auch wenn man bloß den Zuschlag vergessen hat, muß man büßen: mit Aufpreis zum Zuschlag als Strafe. Selbst wenn man den Schaffner selbst aufsucht, um den vergessenen Zuschlag zu kaufen, also gar nicht erst wartet, bis man "erwischt" wird, wird der Aufpreis verlangt. So sind die Regeln, schwarz auf weiß. Deswegen muß man seine Fahrt rechtzeitig vorbereiten. Wenn man nämlich erst in letzter Minute vor dem Fahrkartenautomaten steht, ist es bereits zu spät. Bis man sich zur richtigen Fahrkarte durchwählt, fährt der Zug ab...



Bei einer Klausur in Angewandter Linguistik kommt man sich selbst schon fast wie ein Automat vor. Statt der vertrauten zwei Themen hat man plötzlich ein paar Blätter vor sich liegen mit - 28 Fragen! Auf den Knopf drücken und los schreiben. Sind die Informationen nicht bestens gefestigt und geordnet, hat man nie Zeit zu überlegen. Zwei Minuten vorbei, auf zur nächsten Frage!



Und in mir sträubt sich alles gegen diese Geschwindigkeit und angebliche Gründlichkeit. Alles wird abgefragt. Doch ich möchte erzählen. Bei einer Idee verweilen. In die Tiefe gehen. Zusammenhänge her- und Vergleiche anstellen... Ich möchte erzählen in kunstvollen Sätzen und zeigen, wie ich diese fremde Sprache handhabe; ich wurde ja immer geprüft, wie und vor allem wie richtig ich mich ausdrücken kann. Jeden Satz noch mal lesen und auf seine Verständlichkeit und Richtigkeit hin prüfen... 28 Fragen heißt, 28 kleine wissenschaftliche Texte produzieren. Hilfe, ich bin verloren! Alles vergessen und von neuem lernen, was Zeitökonomie bedeutet.



Kann es sein, dass in Deutschland nicht genauso viel und so gerne erzählt wird wie zu Hause? Leise, fast reibungslos rollt die Bahn dahin und ebenso still sitzen sich die Fahrgäste gegenüber. In ihre Zeitungslektüre vertieft oder über ihrem Notebook gebeugt. Sie widmen sich in dieser Zeit bereits ihren nächsten Aufgaben. So wie die Bahn denkt man geradlinig und kühn in die Zukunft. Monochron.



In meiner Heimat, wissen Sie, gibt es kaum angenehmere Dinge als das Vergnügen der Konversation. Man unterhält sich gern, knüpft schnell Gespräche an und freut sich über jeden Austausch. So wird das Gespräch bald ein Gespräch über andere Gespräche: "Als ich letzte Woche heim fuhr, reiste eine Frau mit, die erzählte..." usw. Bald wird eine Packung Kekse geöffnet und weiter gereicht, aus der Gegenrichtung kommen die Salzstangen, manchmal tauchen sogar Einwegbecher auf und Saft wird ausgeschenkt. Es ist die Freude am Teilen und Sich-Mitteilen.



Die Freude am Gespräch kommt in meinem Land auch an der Universität zum Ausdruck. Viele Prüfungen finden mündlich statt, denn der Informationsaustausch geschieht viel schneller, wenn Mimik und Gestik "mitreden". Die Dozenten sind sich schnell im Bild über das Wissen ihrer Studenten. Wo sie mehr hören möchten, können sie sofort nachfragen und dabei bleibt noch soviel Raum für einen spontanen, lebendigen Gedankenaustausch. Eine Idee zündet die nächste an.



Nicht nur während der Prüfungen wird viel geredet, sondern auch auf den Fluren und in den Pausen: Durch Gespräche knüpft man schnell Beziehungen und Freundschaften, man kommt sich schnell näher. Das ganze Studium durchläuft man mit seiner Studiengruppe.



In Deutschland geht hingegen jeder seinen Weg. Individualismus als Teil der Selbstverwirklichung. Man legt selbst seine Route fest und hat dabei ständig sein Ziel vor Augen. Man reist allein, um flexibel zu sein. Auf die Begleitung kommt es wenig an.



Für mich waren die Fahrgäste jedoch sehr wichtig. Sie haben mich ein Stück meines Weges begleitet, mich weiter gebracht. Jedes Jahr, wenn nicht jedes Semester, war eine andere Station für mich, wo neue Freunde dazukamen, als Fahrbegleiter in mein Leben einstiegen, während sich die älteren Freunde verabschiedeten. Als Ausländer ist es nicht immer leicht, Anschluß zu deutschen Studenten zu finden. Es braucht viel Zeit. Währenddessen findet man jedoch sehr schnell Freunde unter den anderen Ausländern, die ebenfalls Kontakte suchen. Doch diese wunderbaren Freunde kehren spätestens nach einem Jahr wieder in ihre Heimat zurück. Ich begleite sie alle zum Bahnhof, während mein Zug in Deutschland weiter rollt... "Nächster Halt:...", und ich bleibe immer noch sitzen...



Meine Fahrt verläuft schnell und sehr komfortabel. Die Deutsche Bahn sieht sich als Dienstleister und kommt seinen Gästen mit wunderbaren Einrichtungen entgegen: im Bistrowagen kann man schlemmen, für Kinder gibt es spezielle Abteile zum Spielen und die Langeweile kommt nie auf: das Magazin sorgt stets für Unterhaltung.



Wieso erinnert mich das alles an die Mensa und die Kitas? Die Studienordnung als Fahrplan und statt des DB-Magazins die Unizeitung und das Unicum.

Wie schön, Sie müssen zugeben, wie schön und bequem die Studienreisen heutzutage doch geworden sind!...


All diese Dinge kommen mir in den Sinn, wenn ich wieder im rumänischen Schlafwagen sitze, auf meiner Reise nach oder von Zuhause. Der Zug erinnert mich bereits daran, daß in meiner Heimat alles noch anders ist. Und nach dieser anderen Welt habe ich Sehnsucht. Ganz so, wie ich Dresden vermisse, sobald ich in Bukarest bin. Sehnsucht oder Fernweh? Und dann, in diesem Moment, schleicht sich jedes Mal wieder das Gefühl der Fremde in mein Herz. Diese 26 Stunden Fahrt, wo mir körperlich und geistig bewußt wird, wie groß die reale Entfernung zwischen "meinen" beiden Welten doch ist. Ein Gefühl, das ich im Alltag verkenne dank Telefon und Internet. Diese Ferne, diese Entfernung bedeutet für mich Fremde und Entfremdung. 26 Stunden, wo ich dazwischen bin und nirgendwo ganz...

Und nur die Sehnsucht treibt mich voran...



Die Worte meiner Oma hallen wieder in meinen Gedanken. Und ich erinnere mich an ihre Frage danach: "Was ist der Unterschied zwischen dem Leben und einer Zugfahrkarte?". Ich sah sie damals ratlos an, während sie still vor sich hin lächelte: "Das Leben kann man nicht hin und zurück buchen".
 
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